Adonai!

Neue Stimmen intonieren älteste Mantren unserer Zivilisation. Der israelische Sänger Ravid Kahalani singt «Yemen Blues», Orna Ralston gewinnt aus alttestamentarischen Psalmen eine «Medicine of Voice».

 MF/ Orna Ralstons neue CD  Medicine of Voice ist perfekt produziert. Die Basler Sängerin hat sich dafür die nötige Zeit gelassen, sie hat viele Musiker zu sich ins Studio geholt: Celli, Geigen, Trommeln, Gitarren, Flöten und selbstverständlich Stimmen sind zum Einsatz gekommen. Und sie wurde professionell begleitet vom Klangtechniker Karel de Matteis. Entstanden ist eine reiche Harmonie an Psalmen und Stilen, zum Mitsingen, Schwelgen, Geniessen. Medicine of Voice, das sind althebräische Anrufungen von Engeln und guten Geistern, wie man sie noch nie gehört hat, Mantras unseres Kulturraums in völlig neuem Gewand.

Der israelische Sänger Ravid Kahalani hat damit den internationalen Durchbruch geschafft, nachdem er zunächst in seiner Heimat die Verhältnisse klarstellte: Nicht länger die aus mittel- und osteuropäischen Ländern zugewanderten Ashkenasen geben fortan in Israels Popmusik den Ton an, sondern die ungleich wilder getakteten, bluesiger gestimmten Klänge der aus arabischen Ländern zugewanderten Juden. 

 «Adonai» steht wie «Elohim» für einen der vielen althebräischen Namen Gottes. «Gepriesen seist du, Adonai, unser Gott, König des Universums, der du die Augen öffnest derer, die mit Blindheit geschlagen sind», singt Orna Ralston nach der Kinderstimme ab ihrem Telefonbeantworter. Das Gebet, getragen von Cello und Geige, klingt hingebungsvoll, lockend, beschwörend. Ist das dieselbe Künstlerin, die sich mit der Vorgänger-CD eben noch als Schamanin outete? Das Cover von  A Shaman›s Journey zeigte eine winterliche Szene in kühlen Blau- und Weisstönen. Ganz anders die neue CD in warmem Rot.

 Ornas Weg zum Schamanismus hat sie weitergeführt zur Freilegung eines Erbes, von dem sie sagt, sie trage es als Prägung in ihren Zellen. Ohne dass sie damit bewusst aufgewachsen wäre, liegen ihr die althebräischen Namen und Anrufungen im Blut. Wenn sie Erzengel anruft, Psalmen intoniert, den Schutz des Höchsten erfleht, schwingen zahllose Generationen jüdischer Ahninnen mit ihr.

 Hier vernehmen wir Wiegenlieder unserer jüdisch-christlichen Zivilisation, seltsam fremd und seltsam vertraut. Wer sich davon einlullen lässt und in süssen Schlummer sinkt, bekommt zwischendurch eine Invokation der Erzengel zu hören, die sich gewaschen hat. «Uriel, Gabriel, Raphael, Michael!», schmettert sie mit Leib und Seele ins Land. Kein Zweifel, hier werden starke Kräfte beschworen.

 Und dann das: Ein Song der CD beginnt mit Knacken und Rauschen, eine verzerrte Kinderstimme singt eine schlichte Melodie. Die Worte des Mädchens sind schwer zu verstehen, eines aber bleibt hängen: Adonai. Das kommt mir bekannt vor, das habe ich doch schon einmal gehört. Und tatsächlich: Mit dem triumphierend ins Publikum geschmetterten Ruf «Adonai!» beginnt eine Live-CD, die mich derzeit ebenso begeistert:  Yemen Blues . 

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